21. Februar 2008

Glühwein

Gastkommentar von: Bruno Freiherr von der Leber-Weg

Das muß man sich mal vorstellen: Ganz normale Menschen, die gerne gut essen gehen, so oft wie möglich zu Hause aus frischen Zutaten kochen und sich wirklich feine Weine gönnen, stehen unter ihresgleichen und schütten eine süße Brühe in sich hinein, die sie normalerweise mit angewidertem Gesicht im hohen Bogen ausspucken oder von Brechreizattacken geschüttelt hinunterwürgen würden. Würden. Aber stattdessen trinken sie es freiwillig, wieder und wieder. Zwischen 60 und 70 Millionen Liter Glühwein trinken die Deutschen im Jahr, und sie tun es meist sogar ein paar Mal in den nächsten fünf Wochen, wenn kleine aus Holzbrettern und Spanplatten zusammengeschraubte und irgendwie bemalte Häuschen in unseren Fußgängerzonen stehen, verbunden mit dem Rest der Welt nur durch dicke Kabelstränge, über denen dicke schwarze Gummimatten liegen, damit keiner drüber stolpert. Warum zieht aber um Himmels willen keiner den Stecker raus?
Weihnachtsmärkte gibt es nun schon seit langer Zeit, der Münchener etwa feiert übernächstes Jahr sein 200. Bestehen. Waren sie früher eine Art Jahrmarkt, also ein als Volksfest verkleideter Anlaß zum hemmungslosen Saufen und Fressen, sind sie heute immer noch genau das. Der dort reflexhaft getrunkene Glühwein war wohl in seiner Urform ein Getränk der Inder, zubereitet mit Wasser, Weingeist, Zucker und Gewürzen, das erhitzt wurde und am ehesten dem heutigen Punsch gleichkommt. Die britischen Kolonialherren brachten es im 18. Jahrhundert nach Europa. Irgendwann mischte jemand Rotwein dazu, fertig war der Glühwein, angeblich passierte das auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt. Vielleicht in der Mitte des 16. Jahrhunderts, wahrscheinlich aber 1628 soll auch der Vorläufer des heutigen Christkindlesmarktes entstanden sein. Noch älter ist der Dresdner „Striezelmarkt“: Hier beruft man sich gar auf Traditionen aus dem Jahr 1434.
Schon früh hielt auf Weihnachtsmärkten die Sitte Einzug, Kunstgewerbsgegenstände wie Erzgebirgische Schnitzereien in Form von Weihnachtspyramiden, Weihnachtsbaumstrohsternen, Weihnachtskrippenfiguren und -Scheunen, Weihnachtsmobiles und anderem Tand anzubieten, stets in seltsamen grünen Häuschen untergebracht, in denen sich grundsätzlich immer viel zu viele Kunden drängeln und man selbst entnervt ohne den Strohengel wieder heraus- und mitdrängelt. Hinzu gesellen sich allerlei Blechspielzeugverkäufer und solche von getrockneten monströsen Käfern und Spinnen hinter Glas, von chinesischen Kindern gedrehten Bienenwachskerzen aus „Handarbeit im Nachbarschaftsheim“, garantiert gleichfalls liebevoll gestrickten Wollpullovern und Jacken aus Ho Chi Minh Stadt oder Tante Käthes Wollstübchen in der Niederlausitz. Alte Frauen in Ärztekitteln mit furchteinflößenden Oberweiten klatschen frittierte Stücke irgendwelcher Fische in hellgraues Packpapier, Würste aus Thüringen oder Pferden braten unter dreieckigen Dächern, wo immer mindestens sechs sehr schlechtgelaunte Männer und zwei altkluge zwölfjährige Jungs arbeiten, und trotz nur zwei weiterer Kunden kommt man nie dran. Der Rest der adventlichen Gemeinde steht am Glühweinstand, zugedröhnt mit der Endlosschleife von „Last Christmas“, das so oft aus den Lautsprechern marzipant, daß man sich wünscht, diesmal sei es nun wirklich und endlich das allerletzte Weihnachtsfest auf Erden. Das Schlimmste: Wir stehen mittendrin und fühlen uns pudelwohl, predigen sonst aber von den guten Winzern, die ihre Roten nun ja auch in Deutschland gekonnt und in Ruhe in kleine Eichenholzfässer füllen. Die im Weinberg Dreiviertel ihrer Trauben abschneiden und sie auf dem Boden verrotten lassen, nur damit wir zwei Jahre später wieder von den tollen, ertragsreduzierten und überhaupt handverlesenen Weinen faseln können, die dabei herauskommen. Jetzt trinken wir aber ohne mit der Wimper zu zucken die winterliche Starthilfe, die mit Wein nichts zu tun hat: Wenn wir Glück haben, sind nur Nelken, Zimt und Koriander drin, andere kippen gleich noch herrlichen Discounterorangensaft rein, wieder andere nehmen gleich die Fertigmischung aus dem Tetrapack, einmal Monsterschädel -Kopfschmerz bitte, der Liter nur 89 Cents, danke. Die Gerstacker Weinkellerei, die den „Christkindles Markt Glühwein" herstellt, verweist darauf, es kämen seit über 30 Jahren in unveränderter Rezeptur nur Zutaten zum Einsatz, „die auch in den altüberlieferten Lebkuchenrezepten zu finden sind, wie Anis, Kardamom, Macisblüten, Muskat, Nelken, Orangen- und Zitronenschalen, Piment und Zimt“. Und natürlich Zucker und Rotwein. Rotwein? Das ist der Schrecken jedes Winzers: Natürlich kommt der selten von den Johners und Näkels, eher von Taref aus Tunesien, Yussuf aus Marroko oder gleich vom Balkan. Glühwein-Hersteller Gerstacker gibt an, für den „Christkindles Markt“ nur hochwertige Sangiovese- und Merlot-Trauben aus Italien zu verwenden. Er kostet um die zwei Euro. Hauptmarkt sei Deutschland, klar, sagt das Unternehmen aus Nürnberg, der Rest gehe nach Österreich, ein bisschen nach Japan und die USA. Auch in den Benelux-Staaten verkaufe sich Glühwein recht gut. Benelux? Keine Berge, kein Schnee, kein Hüttengaudi? Nein, aber Weihnachtsmärkte haben die auch.
Der Fernsehsender „Vox“ ließ 2002 fünf Fertigglühweine und 16 von den Weihnachtsmärkten in Dortmund, Bochum, Essen und Mönchengladbach testen. Das Ergebnis des beauftragten Weinlabors war wenig berauschend: Bei drei von fünf Supermarkt-Proben ermittelten die Tester einen geringen Extrakt-Gehalt, also muß bereits der Grundwein sehr schlecht gewesen sein, wie bei zwei von 16 Glühweinen vom Weihnachtsmarkt. Fünf enthielten zu wenig Schwefel, entweder war der Grundwein „gammelig“, schlecht gelagert oder der Glühwein hoffnungslos überkocht. Bei der sensorischen Verkostung schnitten nur vier von 21 mit „gut“ oder „befriedigend“ ab, acht waren „gerade so trinkbar“, der Rest indiskutabel. Jedes Jahr gehen Lokalzeitungen auf die Jagd nach dem besten Glühwein, und auch die amtlichen Lebensmittelkontrolleure versuchen die zu erwischen, die Glühwein unter sieben Prozent Alkohol verkaufen. Das ist nämlich verboten.
Wie gut, daß wir nicht im Labor sind! Und es macht ja aus unerfindlichen Gründen einen Heidenspaß, bei 19 Grad schweißgebadet im Wintermantel vor C& A zu stehen, die Hände voll mit dem klebriger Zeug, das aus bestimmten Gründen immer am Henkel ist, wenn wir die Tasse in Empfang nehmen. Sonst würden wir es ja nicht wieder und wieder tun: erst ist er viel zu heiß, die Zungenspitze brennt vom ersten Nippen vor einer halben Stunde immer noch, und dann ist der Glühwein von einer Sekunde auf die nächste plötzlich kalt. Noch nicht einmal der dabei entstehende Rausch ist besonders toll: die Zunge wird schwer, dann wird man müde. Um 20 Uhr hat man dann plötzlich keine Lust mehr auf Glühwein Nummer fünf, den der Schwachkopf anschleppt, den man schon auf der Schule nicht leiden konnte und der einen jetzt mit seinem beruflichen Erfolg zuföhnt. Man wünscht sich entweder ein Bett oder eine anständige Party, mit anständigem Bier und George Michael. Ist ja doch schön…

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