13. Februar 2008

Champagnerrausch

Gastkommentar von: Bruno Freiherr von der Leber-Weg

Ein wahrhafter Rausch ist etwas Wunderbares: Man wird redselig, experimentierfreudig und neigt zu napoleonischem Größenwahn. Der schönste Rausch, behaupten viele, sei der mit Champagner. Und schließlich soll dieser Silvesterrausch nicht zu dem führen, was man nach exzessivem Biermissbrauch so kennt: Verbrüderung mit Fremden, erhöhtem Harndrang, dem man an unpassenden Orten nachgibt, südkurventauglichem Gegröle oder dem Abtasten von Frauen, die nicht die eigenen ist. Das passiert einem beim Champagner nämlich nicht, heißt es. Also probieren wir das doch mal aus.
Gerade Silvester ist ein schwieriges Pflaster. Oft weiß man bis kurz vom dem 31. nicht, was man machen soll, in anderen Jahren gehen gute Freunde schon Ende Juli mit der Idee schwanger, man könnte doch in diesem Jahr statt Fondue mal was anders machen. Am Ende gibt es wieder Fondue. Dazu trinkt man Unmengen von Weiß- und Rotwein, ist um 22.15 Uhr entweder todmüde oder bereits derartig angeschlagen, dass sich mancher wünscht, es sei endlich fünf vor 12. Oder so ähnlich. Wer dann zwischendurch noch meint, zu harten Alkoholika greifen zu müssen, erlebt die Jahreswende entweder in einer nichtklinischen Form von Wachkoma auf einem Stuhl (harmlos), in einem benachbarten Vorgarten (ärgerlich) oder hört die ersten Silvesterknaller nicht auf Terrasse, Balkon oder der Straße, sondern nur als dumpfe Detonationen, übertragen durch die Kanalisation bis in die Kloschüssel hinein, in deren unmittelbarer Nähe man sich zwangsweise aufhält (dumm und peinlich). Das alles muss nicht sein.
Für einen kontrollierten Champagnerrausch braucht man zunächst den entsprechenden Rahmen. Ein Fondue-Essen etwa ist ziemlich unpassend, weil es ewig lange dauert und einschläfernd wirkt. Champagner dagegen macht aktiv und lustig. Darum ist eine Party ideal – am besten mit Menschen, die sich nüchtern wie betrunken kennen sowie schätzen. Pro Person sollte man mit zwei, besser drei Flaschen, guten, möglichst säurearmen Champagner kalkulieren. Ideale Begleiter sind Kanapees mit Lachs, Käse, Roastbeef und Shrimps sowie eine stärkende Kartoffelsuppe. Auf dem Balkon hat man Fin-de-Claire-Austern auf Eis liegen, und wenn’s draußen friert, kommen die Austern eben in den Kühlschrank und werden sozusagen à la minute serviert. Dem Getränk und Anlass angemessen erscheinen alle gegen halb acht Uhr abends in Anzügen und Kleidern. Die bedürfen anschließend keiner tagelangen chemischen Reinigung, weil man sich erstens nicht um halb elf eine Flasche Rotwein drüberkippt und zweitens - wegen des Verzichtes auf Fleischfondue - nicht alle Fasern der Kleidung restlos mit Fettschwaden voll gepumpt sind.
Weil Champagner äußerst redselig stimmt, kommuniziert die Gesellschaft nach den ersten drei Gläsern gepflegt über Vor- und Nachteile des Champagners im Allgemeinen und dieses im Besonderen. Unter permanenter Zuführung desselben entstehen schnell Fachsimpeleien über Genuss an sich. Es fällt auch der Satz eines ausgewiesenen Tiefkühl-Pizza-Fans: „Austern ess ich üüüberhaup’ nuuuuur mit Ssitrone.“
Gegen halb zehn, nachdem die ersten acht, neun Flaschen geleert sind, werden die Gäste philosophischer. „Ich würde kein Steak essen, wenn ich wüsste, wie die Kuh hieß!“ Flasche Nummer zehn, elf, zwölf sind schon geöffnet, das Trinktempo erhöht sich. Ein eingefleischter Discounter-Kunde hat soeben geschworen, in den kommenden 12 Monaten nur noch gute und gerne auch teurere Lebensmittel einzukaufen: „Das mit den Puuten waa abba auch ssu widderlich!“ Es entsteht ein Gefühl, das viele als „beschwingt“ bezeichnen würden: Dabei ist es viel mehr – man ist aufgeputscht, hellwach, die Sinne sind aufs Äußerste geschärft. Irgendjemand beginnt ein Gespräch über Politik, und plötzlich weiß man die Lösung für die Probleme der ganzen Welt: „Ja, der Fischer, der war schon…also ja, die Merkel kann ja….man müsste nur... gleich hab‘ ich‘s?“ Dann fallen einem Witze ein, die so urkomisch sind, dass alle bedauern, sie augenblicklich wieder vergessen zu haben. Kurzum: Man fühlt sich wie der Größte.
Gegen 23 Uhr vermag es der Champagner, Menschen, die sonst niemals tanzen, zum echten John-Travolta-Hüftschwung zu bewegen. Mit fünf Litern Bier oder zwei Flaschen Rotwein - so viel haben jetzt die meisten umgerechnet intus, einfach undenkbar! Alle stehen noch, nur die Hemmschwellen fallen. Die übliche „Ich bin so allein“ - oder wahlweise „Meine Freundin liebt mich nicht“-Depression, die auf gewöhnlichen Silvester-Partys immer irgendjemand bekommt, bleibt aus, genau wie der Versuch einer torkelnden Polonaise. Um viertel vor zwölf hat sich noch keiner übergeben. Dafür tragen zwei Gäste jetzt Perücken, einige haben Boxpromoter-Sonnenbrillen auf und lachen sich kaputt, während andere sich versprechen, im neuen Jahr mehr für den Weltfrieden zu tun. Das Feuerwerk erlebt man nicht als einheitlich dumpfes Gepfeife und Dröhnen, sondern als wunderbare Pyrotechnik mit putziger Untermalung durch die Kirchenglocken, und auch das Anzünden der eigenen Knaller führt wegen der nach wie vor vergleichsweise guten Feinmotorik nicht zu Verbrennungen an den Händen oder Löchern im Mantel. Drei Uhr: Der Gastgeber geht ins Bett, seine Gäste braten sich Spiegeleier. Am nächsten Morgen wird man ohne Kopfschmerzen aufwachen und wissen, dass man zwar nicht mehr alles weiß, aber dass die Frau neben einem die eigene ist. Dem Champagner sei Dank!

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