25. Februar 2008

Was ist ein großer Wein?


Ein großer Wein ist immer der Wein, der einem in einem bestimmten Moment im Leben berührt. Sei es ein Tafelwein bei 36 ° Celsius in Marakesch, ein 61er Latour bei einer Raritätenprobe unter Kennern, ein Glas Prosecco kurz vor dem ersten Kuss der Angebeteten und vor allen Dingen Weine, die einen nachdenklich stimmen und sich hauptsächlich sehr positiv verändern. Der erste Schluck schmeckt noch fad, der Zweite macht schon auf das Produkt aufmerksam, beim Dritten bekommt man Durst und bei den folgenden Schlücken giert man nach mehr und stellt leider alsbald fest, das die Flasche sich doch zu schnell geleert hat. Es war eben einfach ein leckerer
Wein, der animiert und im richtigen Moment das richtige Getränk war!
Den heutigen Montag hat das Christki... nein das Weingut Christmann gerettet. Danke für diesen
Moment!

21. Februar 2008

Es gibt sie wirklich...


...die berühmten Trebbianoreben
für den Lugana von Valerio
Zenato.

Glühwein

Gastkommentar von: Bruno Freiherr von der Leber-Weg

Das muß man sich mal vorstellen: Ganz normale Menschen, die gerne gut essen gehen, so oft wie möglich zu Hause aus frischen Zutaten kochen und sich wirklich feine Weine gönnen, stehen unter ihresgleichen und schütten eine süße Brühe in sich hinein, die sie normalerweise mit angewidertem Gesicht im hohen Bogen ausspucken oder von Brechreizattacken geschüttelt hinunterwürgen würden. Würden. Aber stattdessen trinken sie es freiwillig, wieder und wieder. Zwischen 60 und 70 Millionen Liter Glühwein trinken die Deutschen im Jahr, und sie tun es meist sogar ein paar Mal in den nächsten fünf Wochen, wenn kleine aus Holzbrettern und Spanplatten zusammengeschraubte und irgendwie bemalte Häuschen in unseren Fußgängerzonen stehen, verbunden mit dem Rest der Welt nur durch dicke Kabelstränge, über denen dicke schwarze Gummimatten liegen, damit keiner drüber stolpert. Warum zieht aber um Himmels willen keiner den Stecker raus?
Weihnachtsmärkte gibt es nun schon seit langer Zeit, der Münchener etwa feiert übernächstes Jahr sein 200. Bestehen. Waren sie früher eine Art Jahrmarkt, also ein als Volksfest verkleideter Anlaß zum hemmungslosen Saufen und Fressen, sind sie heute immer noch genau das. Der dort reflexhaft getrunkene Glühwein war wohl in seiner Urform ein Getränk der Inder, zubereitet mit Wasser, Weingeist, Zucker und Gewürzen, das erhitzt wurde und am ehesten dem heutigen Punsch gleichkommt. Die britischen Kolonialherren brachten es im 18. Jahrhundert nach Europa. Irgendwann mischte jemand Rotwein dazu, fertig war der Glühwein, angeblich passierte das auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt. Vielleicht in der Mitte des 16. Jahrhunderts, wahrscheinlich aber 1628 soll auch der Vorläufer des heutigen Christkindlesmarktes entstanden sein. Noch älter ist der Dresdner „Striezelmarkt“: Hier beruft man sich gar auf Traditionen aus dem Jahr 1434.
Schon früh hielt auf Weihnachtsmärkten die Sitte Einzug, Kunstgewerbsgegenstände wie Erzgebirgische Schnitzereien in Form von Weihnachtspyramiden, Weihnachtsbaumstrohsternen, Weihnachtskrippenfiguren und -Scheunen, Weihnachtsmobiles und anderem Tand anzubieten, stets in seltsamen grünen Häuschen untergebracht, in denen sich grundsätzlich immer viel zu viele Kunden drängeln und man selbst entnervt ohne den Strohengel wieder heraus- und mitdrängelt. Hinzu gesellen sich allerlei Blechspielzeugverkäufer und solche von getrockneten monströsen Käfern und Spinnen hinter Glas, von chinesischen Kindern gedrehten Bienenwachskerzen aus „Handarbeit im Nachbarschaftsheim“, garantiert gleichfalls liebevoll gestrickten Wollpullovern und Jacken aus Ho Chi Minh Stadt oder Tante Käthes Wollstübchen in der Niederlausitz. Alte Frauen in Ärztekitteln mit furchteinflößenden Oberweiten klatschen frittierte Stücke irgendwelcher Fische in hellgraues Packpapier, Würste aus Thüringen oder Pferden braten unter dreieckigen Dächern, wo immer mindestens sechs sehr schlechtgelaunte Männer und zwei altkluge zwölfjährige Jungs arbeiten, und trotz nur zwei weiterer Kunden kommt man nie dran. Der Rest der adventlichen Gemeinde steht am Glühweinstand, zugedröhnt mit der Endlosschleife von „Last Christmas“, das so oft aus den Lautsprechern marzipant, daß man sich wünscht, diesmal sei es nun wirklich und endlich das allerletzte Weihnachtsfest auf Erden. Das Schlimmste: Wir stehen mittendrin und fühlen uns pudelwohl, predigen sonst aber von den guten Winzern, die ihre Roten nun ja auch in Deutschland gekonnt und in Ruhe in kleine Eichenholzfässer füllen. Die im Weinberg Dreiviertel ihrer Trauben abschneiden und sie auf dem Boden verrotten lassen, nur damit wir zwei Jahre später wieder von den tollen, ertragsreduzierten und überhaupt handverlesenen Weinen faseln können, die dabei herauskommen. Jetzt trinken wir aber ohne mit der Wimper zu zucken die winterliche Starthilfe, die mit Wein nichts zu tun hat: Wenn wir Glück haben, sind nur Nelken, Zimt und Koriander drin, andere kippen gleich noch herrlichen Discounterorangensaft rein, wieder andere nehmen gleich die Fertigmischung aus dem Tetrapack, einmal Monsterschädel -Kopfschmerz bitte, der Liter nur 89 Cents, danke. Die Gerstacker Weinkellerei, die den „Christkindles Markt Glühwein" herstellt, verweist darauf, es kämen seit über 30 Jahren in unveränderter Rezeptur nur Zutaten zum Einsatz, „die auch in den altüberlieferten Lebkuchenrezepten zu finden sind, wie Anis, Kardamom, Macisblüten, Muskat, Nelken, Orangen- und Zitronenschalen, Piment und Zimt“. Und natürlich Zucker und Rotwein. Rotwein? Das ist der Schrecken jedes Winzers: Natürlich kommt der selten von den Johners und Näkels, eher von Taref aus Tunesien, Yussuf aus Marroko oder gleich vom Balkan. Glühwein-Hersteller Gerstacker gibt an, für den „Christkindles Markt“ nur hochwertige Sangiovese- und Merlot-Trauben aus Italien zu verwenden. Er kostet um die zwei Euro. Hauptmarkt sei Deutschland, klar, sagt das Unternehmen aus Nürnberg, der Rest gehe nach Österreich, ein bisschen nach Japan und die USA. Auch in den Benelux-Staaten verkaufe sich Glühwein recht gut. Benelux? Keine Berge, kein Schnee, kein Hüttengaudi? Nein, aber Weihnachtsmärkte haben die auch.
Der Fernsehsender „Vox“ ließ 2002 fünf Fertigglühweine und 16 von den Weihnachtsmärkten in Dortmund, Bochum, Essen und Mönchengladbach testen. Das Ergebnis des beauftragten Weinlabors war wenig berauschend: Bei drei von fünf Supermarkt-Proben ermittelten die Tester einen geringen Extrakt-Gehalt, also muß bereits der Grundwein sehr schlecht gewesen sein, wie bei zwei von 16 Glühweinen vom Weihnachtsmarkt. Fünf enthielten zu wenig Schwefel, entweder war der Grundwein „gammelig“, schlecht gelagert oder der Glühwein hoffnungslos überkocht. Bei der sensorischen Verkostung schnitten nur vier von 21 mit „gut“ oder „befriedigend“ ab, acht waren „gerade so trinkbar“, der Rest indiskutabel. Jedes Jahr gehen Lokalzeitungen auf die Jagd nach dem besten Glühwein, und auch die amtlichen Lebensmittelkontrolleure versuchen die zu erwischen, die Glühwein unter sieben Prozent Alkohol verkaufen. Das ist nämlich verboten.
Wie gut, daß wir nicht im Labor sind! Und es macht ja aus unerfindlichen Gründen einen Heidenspaß, bei 19 Grad schweißgebadet im Wintermantel vor C& A zu stehen, die Hände voll mit dem klebriger Zeug, das aus bestimmten Gründen immer am Henkel ist, wenn wir die Tasse in Empfang nehmen. Sonst würden wir es ja nicht wieder und wieder tun: erst ist er viel zu heiß, die Zungenspitze brennt vom ersten Nippen vor einer halben Stunde immer noch, und dann ist der Glühwein von einer Sekunde auf die nächste plötzlich kalt. Noch nicht einmal der dabei entstehende Rausch ist besonders toll: die Zunge wird schwer, dann wird man müde. Um 20 Uhr hat man dann plötzlich keine Lust mehr auf Glühwein Nummer fünf, den der Schwachkopf anschleppt, den man schon auf der Schule nicht leiden konnte und der einen jetzt mit seinem beruflichen Erfolg zuföhnt. Man wünscht sich entweder ein Bett oder eine anständige Party, mit anständigem Bier und George Michael. Ist ja doch schön…

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Petersilie

Gastkommentar von: Bruno Freiherr von der Leber-Weg

In der Karottencremesuppe mit Kardamon und Hummer schwimmt sie, dick und hart und grün. In normalen, aber auch besseren Restaurants wie hier im Hotel Post im österreichischen Lech am Arlberg sind Teller ohne das Gartenkraut eine absolute Rarität geworden. Wie viele Essen in den letzten zwei Jahren kamen ohne Petersilie auf den Tisch? Dabei ist Petersilie nicht nur sehr penetrant im Geschmack, sie ist auch völlig unnütz. Wurde sie früher behutsam auf oder neben die Hauptsache auf dem Teller gelegt, schwimmt sie inzwischen in jeder Suppe, hängt untrennbar im Gemüse und erschlägt damit jedes noch so ausgeprägte Aroma. Verbündeter und Konkurrent zugleich im Wahn der sinnlosen Dekoration ist der Dill, der Salate, Fische, Suppen und Saucen heimsucht. Wo er fehlt, kann der Thymian-Ast oder Rosmarinzweig nicht weit sein. Manche Köche stopfen ihre Teller mit optischen Schnickschnack voll, dass es ein wahres Leid ist. „Petersilie gehört nicht auf den Teller!“, sagt der deutsche Drei-Sterne-Koch Dieter Müller.
Zu Zeiten, als der Rehrücken Baden-Baden das höchste der kulinarischen Gefühle in Deutschland war, verirrten sich allenfalls mal Spuren des lästigen Grüns auf einen Teller. Aber dann schwappte die Nouvelle Cuisine über den Rhein, und die entschlackten Saucen und winzigen Portionen wurden mit Beilagen aufgemotzt, um größer und prächtiger zu erscheinen – im Schlepptau alle möglichen Garnierungen. Noch 1987, als Deutschland bereits gastronomisch zivilisiert war, empfahl Bernhard Kaiser in seinem „Goldenen Kochbuch“ zum „Wiener Backhendl“ allenfalls: „mit Zitronenspalten und gebackenem Petersiliengrün anrichten“. Was beim Hähnchen nicht schadet, stört bei anderen Gerichten wie der „Überbackenen Languste“ doch gewaltig: Nur fürs Auge? Wie aber kann es nur fürs Auge sein, wie die meisten Köche beteuern, wenn es so unwiederbringlich einmontiert ist, dass man es nur mühselig mit spitzen Fingern oder der Gabel entfernen kann, soll es nicht in Mund gelangen? Das sehr puristische „Schulkochbuch“ von Dr. Oetker beschränkt sich in seinen Rezepten auf die bloße Zubereitung und Anrichtung. Auf den Fotos allerdings pflastern dann doch wieder Petersilie & Co. die Königsberger Klopse, die gefüllten Paprikaschoten und alle Salate. Auch die Spitzenköche schrecken in ihren zahlreichen Kochbüchern vor nichts zurück: das „G’röstl von Krebsen und Kartoffeln“ lässt Eckart Witzigmann „mit gezupftem Kerbel garnieren“, zum „Überbackenen Stubenküken auf zwei Saucen“ gesellt sich „je eine Lauchzwiebel“, und zum „Makkaroni-Soufflè auf Safransauce“ reichen nicht Trüffelstreifen, nein, es muss wieder die Petersilie sein. Auch sein Nachfolger als Deutschlands bester Koch, Harald Wohlfahrt, kann es in seinen Kochbüchern nicht lassen: Das „Carpaccio von Lachs, Wolfsbarsch und Sankt-Jakobs-Muscheln mit dreierlei Pfeffermarinaden“ bedeckt: Kerbel. Das Rehparfait im Pistaziengeleemantel mit Steinpilzsalat und Pinienvinaigrette bedeckt: Kerbel. Gottlob verschont er in „Feines aus meiner Küche“ wenigstens die Hauptgerichte aus Fisch und Fleisch von derlei Garnituren, ebenso wie die Gäste in seinem Restaurant Schwarzwaldstube. Die Teller von Wohlfahrt sind weitgehend kräuterfrei. Auch Dieter Müllers „Einfach und genial. Die Aromenküche des Meisterkochs“ kommt nicht ohne ein bisschen Estragon hier, etwas Basilikum dort und natürlich Kerbel aus. In seinem Restaurant in Bergisch Gladbach verzichtet Müller weitgehend darauf. Früher, in den Wertheimer „Schweizer Stuben“ sei das noch anders gewesen. „Wenn ein Gericht wenig Farbe hatte, wie ein Salat, haben wir eben Kräuter dazugegeben, zur Gänseleber wurden Feldsalatblättchen gezupft. Kerbel ist eigentlich nicht wichtig, er schmeckt ja nahezu neutral“. Dabei geht es auch ohne: Pierre Wynants vom Brüsseler „Comme Chez Soi“ verzichtet auf den Garnierungswahn, auch Frankreichs Küchenstar Alain Ducasse lässt Rezepte seiner Bücher wie „Der Ducasse“ und die Gerichte seiner Pariser und monegassischen Restaurants ohne das Grünzeug auskommen. Was er an Kräutern für notwendig und nützlich erachtet, ist würzender Bestandteil des Gerichts und nicht verfälschende Zugabe. „Die Franzosen sind längst klarer und schlichter“, sagt Müller. In Deutschland sei es immer noch so, „wenn da nur ein Stück Fisch, sei er noch so gut gebraten, auf dem Teller liegt, fragt sich mancher: Da ist ja fast nichts drauf“, berichtet Müller. Also werde fleißig dekoriert. „Lieber ein gutes Gemüse dazu als unnnütze Beilagen wie irgendetwas Fritiertes“. In Deutschland verfährt zum Beispiel auch Joachim Wissler vom Bensberger „Vendome“ so und lässt das weg, „was man weglassen sollte“, auch Hans Haas vom Münchener Tantris verzichtet auf Schnörkel, ebenso wie Altmeister Paul Haeberlin von der Auberge d L’Ill im Elsaß. „Was man nicht in Sauce hineintut, das kommt auch nicht heraus“, sagt er.
Alfred Bercher, Cheftester des deutschen Michelin, schmecken die Dreingaben nicht. „Wenn es Teil des Ganzen ist, ok. Aber was sollen die störenden Kräuter und Blätter?“
Neben den wohl rein aus optischen Gründen vorgesehenen Beigaben ist es aber mehr und mehr die Komposition und Aufbereitung des Gerichtes selbst, die verwirrt. Muß man im Restaurant statt drei oder vier oft bis zu acht verschiedene Dinge auf einem Teller finden? Da wird zum Lammrücken neben einer Miniportion Ratatouille noch etwas Kartoffelgratin, ein Stück Grieskuchen, Karotten und Bohnen, ein Auberginenragout und geschmortes Lammfleisch mit einer eigenen Sauce serviert. Jedes ist unterschiedlich gewürzt, einiges sehr mediterran mit Kräutern und Olivenöl, anderes asiatisch mit Zitronengras und Curry. Warum? Weil die Gäste es wollen, sagen viele Köche. „Das gaube ich nicht“, sagt Michelinchef Bercher. Warum reicht nicht eine Reduktion auf das Wesentliche? Es ist kein Zeichen großer Kochkunst, es jedem, und allen Recht machen zu wollen, um mit der Zusammenwürfelung möglichst vieler und unterschiedlicher Zutaten zu punkten.
Besonders unbarmherzig sind die Patisseure dieser Welt: Nicht nur, daß man in guten Restaurants statt wie früher einem Dessert nun drei serviert bekommt, obwohl nach einem Menü und meist mehreren guten , selten leichten Weinen kaum noch jemand geradeaus gucken kann. Jedes besteht auch noch aus optisch und geschmacklich völlig überfrachteten Einzelkomponenten samt Kakao- oder Puderzuckerstaub, der beim Einatmen sofortige Luftröhrenschnitte nötig macht. Nach dem Vordessert, viel zu oft einer allzu mächtigen Crème brulée, kommt dann ein Soufflè in einer Größe, die jeden Magen verschließt. Das Hauptdessert besteht dann in der Regel aus ein oder zwei verschiedenen Arten Mousse, meist aus heller und dunkler Schokolade, dazu Eis oder Sorbet diverser Herkunft, alles umringt von der unvermeidlichen, meist nicht reifen und daher viel zu sauren Physalis, gerne ergänzt von der ebenso sauren wie sinnlosen Sternfrucht. „Besonders störend sind die sinnlosen Obstgarnituren bei Nachspeisen“, findet Michelinchef Bercher: „Vor allem die Sternfrucht. Sie liegt immer unmotiviert auf dem Teller rum, schmeckt nach nichts und verteuert auch noch das Gericht. Was soll das?“ Manchmal unterliegt sie im Duell der Säuregiganten aber noch den Johannis- und Preiselbeeren, mit denen mancher Patissier unserer Magenscheidewand nach dem Leben trachtet. Meistens wird das Ganze begleitet durch eine Orgie aus glashart gewordenen, Zunge und Gaumen aufspießenden und sich in sämtliche Zahnzwischenräume eingrabenden netzartigen Gebilden aus karamellisiertem und dann erkaltetem Zucker. Dazu werden Blätterteigtaschen gefüllt mit Schäumen und Cremes aus Früchten, gekrönt von stopfenden Scholokadenkuchen. Alles wird gewollt und getan, aber nichts auf den Punkt gebracht.
Anschließend rückt noch ein Kellner mit einem drohenden Wagen voll riesiger Pralinen an. Selbst die sind vor Garnituren nicht länger sicher. Neuester Clou: Blattgold. Was soll man da noch sagen? Hilfe, aber immer noch besser als Petersilie!

17. Februar 2008

Der Wein der nicht nur nach Urinstein riecht, sondern leider auch noch so schmeckt:


Armand Rousseau
Gevrey Chambertin
1er Cru Les Cazetiers 1991

Kaiser Lachs

Die Palourde Muschel


Die Palourde Muschel ist die einzige
Venusmuschel, die man auch roh
genießen kann.

Der Rotbarsch

vorher
nachher

gut - besser - perfekt


***Billecart Salmon Grande Cuvée 1996-große Reife-noch größere Säure-toller Aperitif.

***1991 Comte Georges de Vogue Musigny Blanc-überreife Frucht-
eher einer weißer Hermitage - fett - keine Eleganz - der Name steht heute leider über der Qualität

***2005 Lucien Le Moine Puligny-Montrachet "Les Enseigneres"-
feinste Haselnussaromen - guter Eichenholzeinsatz - Schmelz - Reife - Länge - Abgang . . . und auf den Punkt gebratene "Tiger Scrimps"!

***2005 Rings "Das Kreuz" - Den Wein den keiner Braucht - Holz - gutes Holz -perfektes Holz - aber leider keinen Wein im Holz!

***1996 Charmes Chambertin Dominque Laurent - Holz - Frucht - Frucht - Frucht - Säure - Säure - Abgang - Säure - Hunger - Rindergulasch - Befriedigung.

***1995 Armand Rousseau Gevrey-Chambertin Clos St. Jacques - Noch mehr Frucht und Klarheit - Perfekt und auf den Punkt - großer Terroirwein.

***1998 Laurent-Taurdieu Cote-Rotie - Ein Urgestein - Pfeffer - Gewürze - Pfeffer und eine
subtile Schärfe - lang und länger. Einer der ganz Großen!

***1995 Willi Schäfer Graacher Domprobst Goldkapsel Versteigerungswein Großer Ring -
Dieser Riesling stellt jeden Yquem links in den Schatten - lang - finessenreich - säurebetont und in jedem Schluck klar, frisch und spritzig. Noch nicht einmal ein Alterungshauch ist zu erschmecken. PERFEKT und ganz GROß! Ein Jungbrunnen!

15. Februar 2008

Cocktails

Gastkommentar von: Bruno Freiherr von der Leber-Weg

Es gibt einen Zustand der zu schön ist, um erträglich zu sein. Es ist, als wohnte man für Sekunden oder gar Minuten im Inneren des Glücks. Dazu bedarf es eigentlich nur weniger Dinge. Erstens eines Strandes, der diesen Namen wahrhaft verdient - also in etwa eine Mischung aus Seychellen, Pampelonne und Costa Esmeralda, wo der Sand weißer als weiß ist und das Wasser eine Sinfonie aus Blau, Grün, Aquamarin, Helltürkis und Jadefarben. Dazu gehört eine angenehme, aber durchaus stimulierende Begleitung in Form von netten Menschen und ebensolcher Musik, die fern aller Dumpfheit sein muss. Perfekt geeignet sind karibische Klänge oder Chill-out-Musik, die aber immer animierend und nie einschläfernd sein darf- oder alles von Dean Martin, egal was. Zuletzt ein kalter, nicht zu süßer und vorzugsweise alkoholischer, aber nicht zu starker Cocktail, der einen wie Champagner in die Stimmung versetzt: Ich bin der Größte, muss das aber nicht jedem gleich erzählen. Derartig ausgerüstet, gelangt man in einen Zustand überirdischer Glücksseligkeit, ein leichter Rausch durchströmt den ohnehin endorphingetränkten Körper. Allerdings ist dabei Art und Beschaffenheit des Cocktails entscheidend. Er muss handwerklich absolut perfekt zubereitet sein und den Durst stillen – am perfekten Strand soll es ja auch heiß sein, natürlich bei leichter Brise, die die Haut streichelt wie Seide. Die Besonderheit eines Cocktails besteht nun darin, dass er ein –meistens – alkoholisches Getränk ist, das niemals pur getrunken wird, sondern immer Ergebnis einer möglichst schlüssigen Mischung aus verschiedenen Zutaten ist, die wohl zu ihrem Namen kam, weil die Barmaid Betsy Flanagan 1776 in der „Elmsford Taverne“ in New York eine Hahnenschwanz (Cocktail)-Feder in einen Drink gesteckt haben soll, bevor sie ihn servierte. Warum, ist nicht überliefert, vielleicht waren einige ihrer männlichen Gäste zu gockelhaft. Gebalzt wird an Stränden ja auch, in dieser erdenfernen Stimmung. Passend dazu gibt es einen Cocktail, der den beziehungsreichen Namen „Sex on the beach“ trägt, leider aber viel öfter auf Strandpartys in Dorfdiskotheken serviert wird als an schönen Stränden und einen entsprechend zweifelhaften Ruf genießt. In der Tat ist er oft viel zu süß, was wiederum an den Dorfdiskotheken liegt, die in der Regel kaum über begabte Cocktailmixer verfügen. Wir gehen hier jetzt mal davon aus, dass das an Ihrem Strand anders ist und der Mann, der so verführerische bunte und atemberaubend teure Mixturen macht, sein Geschäft versteht. Dann nämlich ist „Sex on the beach“ mit allerlei Fruchtsäften und Wodka ein wirklich guter Drink.
Ein weiteres Muss ist der Caipirinha. Der ist zwar ganz schön in die Jahre gekommen,
aber als Brasiliens Nationalgetränk geradezu verpflichtend für den Strand, denn was außer Samba und getanzten Fußballspiels ist schon brasilianischer als ein Strand? Die knackige Säure des gestampften Limonenfleisches, die Süße des grobkörnigen Zuckers und das Aroma des weißen Zuckerrohrschnapses Cachaça beflügeln auch verbiesterte Europäer. Allerdings ist Caipirinha wegen seiner völlig unkalkulierbaren Wirkung ein echtes Lotteriespiel. Mancher trinkt zehn davon und merkt nichts, andere befinden sich schon nach zwei Gläsern in einem wahlweise euphorischen oder beklagenswerten Zustand. Eindeutig abzuraten ist von den alten Rum-Klassikern wie „Mai Tai“ oder „Planters Punsch“. Die haben zuletzt zu Hemingways besten Zeiten geschmeckt, denn kaum ein Barmann macht sich heute noch die Mühe, die vorzugsweise von bereits deutlich voralkoholisierten englischen Seniorinnen geschätzten Drink selbst anzusetzen und schütten stattdessen irgendetwas Rotes aus einem Fünf-Liter-Plastiktank in die Gläser.
Diese Gefahr besteht bei einem ziemlich modernen Cocktail, der eher ein Longdrink ist und den etwas irreführenden Namen „Long Island Ice Tea“ trägt, nicht. Mit dessen Verzehr sollte der Strandgänger aber nicht zu früh am Tag beginnen - was sich nachhaltig darin begründet, dass hier Alkohol und Nichtalkohol in einem Verhältnis von 2 zu 1 zueinander stehen. Er ist in jüngster Zeit zum Modegetränk aller geworden, die meinen, dazuzugehören. Wozu, ist allerdings fraglich, eindeutig aber zu der Klientel, die möglichst schnell richtig hackedicht werden möchte. Aber ist am Strand nicht ohnehin alles völlig egal?

Rezepte: Sex on the beach

4cl Wodka
6 cl Ananassaft
2cl Orangensaft
6 cl Cranberrysaft
2 cl Pfirsichlikör

Alle Zutaten im Shaker kurz und kräftig mit 3 bis 4 Eiswürfeln schütteln. Dann in ein Longdrinkglas abseihen und einige frische Eiswürfel dazugeben. Zur Dekoration eine Cocktailkirsche und eine Orangenscheibe am einem kleinen Holzspieß oder Sticker über das Glas legen.

Long Island Ice Tea

2 cl Wodka
2cl Tequila (weiß)
2cl Cointreau
2cl Rum (braun)
2cl Gin
2cl Orangensaft
3cl Zitronensaft
Cola oder Zitronen-Eistee

Alles wird zugleich geschüttelt. Wem das zuviel Alkohol ist, der sollte nur 1 cl pro Spirituose vermixen. Auf jeden Fall gehört der Ice Tea samt Eiswürfeln in ein großes Longdrinkglas und wird mit Cola oder Eistee (Zitrone) aufgefüllt.

Caipirinha

4 Barlöffel Rohrzucker (braun)
1 Limette
6 cl Cachaça
2 cl Lime Juice

Die Limette halbieren, dann jeweils die Hälften vierteln. Die Limettenachtel in ein Caipirinhaglas (mit festem, stabilen Boden) geben, dazu einige Löffel Rohrzucker und mit einem Holzstößel zerdrücken. Das Glas zu drei Vierteln mit Crushed Ice füllen, dann einen guten Schuss Lime Juice daraufgeben. Mit Cachaça bis zum Rand auffüllen und einen gekürzten, dicken schwarzen Strohhalm ins Glas geben. Mit dem Trinkhalm vor dem Servieren kräftig umrühren, von unten nach oben, damit der Zucker etwas aufgewirbelt wird. Wer mag, kann jetzt noch etwas Rohrzucker zusätzlich oben auf dem Drink verteilen. Den Capirinha gibt es auch alkoholfrei. Er heißt dann Ipanema – statt Cachaça nimmt man einfach Ginger Ale, anstelle des Lime Juice Maracujanektar.

14. Februar 2008

Der Maulesel - La Mula de la Quinta Quietud


Aus dem sicherlich besten Weingut
Toros kündigt sich Großes an:
"La Mula" (Der Maulesel)
Ein Wein wie sein Name:
Widerspenstig und störrisch und
trotzdem mit Ausdauer und jeder
Menge Kraft versehen. Man muss
ihm nur viel Zeit geben und gut zureden.
Ein Weinunikat mit satten Gerbstoffen,
dunklen Fruchtaromen, Wald- und
Pilzattributen und einem kantigen, aber
ewigen Abgang.
Un grande!

13. Februar 2008

Champagnerrausch

Gastkommentar von: Bruno Freiherr von der Leber-Weg

Ein wahrhafter Rausch ist etwas Wunderbares: Man wird redselig, experimentierfreudig und neigt zu napoleonischem Größenwahn. Der schönste Rausch, behaupten viele, sei der mit Champagner. Und schließlich soll dieser Silvesterrausch nicht zu dem führen, was man nach exzessivem Biermissbrauch so kennt: Verbrüderung mit Fremden, erhöhtem Harndrang, dem man an unpassenden Orten nachgibt, südkurventauglichem Gegröle oder dem Abtasten von Frauen, die nicht die eigenen ist. Das passiert einem beim Champagner nämlich nicht, heißt es. Also probieren wir das doch mal aus.
Gerade Silvester ist ein schwieriges Pflaster. Oft weiß man bis kurz vom dem 31. nicht, was man machen soll, in anderen Jahren gehen gute Freunde schon Ende Juli mit der Idee schwanger, man könnte doch in diesem Jahr statt Fondue mal was anders machen. Am Ende gibt es wieder Fondue. Dazu trinkt man Unmengen von Weiß- und Rotwein, ist um 22.15 Uhr entweder todmüde oder bereits derartig angeschlagen, dass sich mancher wünscht, es sei endlich fünf vor 12. Oder so ähnlich. Wer dann zwischendurch noch meint, zu harten Alkoholika greifen zu müssen, erlebt die Jahreswende entweder in einer nichtklinischen Form von Wachkoma auf einem Stuhl (harmlos), in einem benachbarten Vorgarten (ärgerlich) oder hört die ersten Silvesterknaller nicht auf Terrasse, Balkon oder der Straße, sondern nur als dumpfe Detonationen, übertragen durch die Kanalisation bis in die Kloschüssel hinein, in deren unmittelbarer Nähe man sich zwangsweise aufhält (dumm und peinlich). Das alles muss nicht sein.
Für einen kontrollierten Champagnerrausch braucht man zunächst den entsprechenden Rahmen. Ein Fondue-Essen etwa ist ziemlich unpassend, weil es ewig lange dauert und einschläfernd wirkt. Champagner dagegen macht aktiv und lustig. Darum ist eine Party ideal – am besten mit Menschen, die sich nüchtern wie betrunken kennen sowie schätzen. Pro Person sollte man mit zwei, besser drei Flaschen, guten, möglichst säurearmen Champagner kalkulieren. Ideale Begleiter sind Kanapees mit Lachs, Käse, Roastbeef und Shrimps sowie eine stärkende Kartoffelsuppe. Auf dem Balkon hat man Fin-de-Claire-Austern auf Eis liegen, und wenn’s draußen friert, kommen die Austern eben in den Kühlschrank und werden sozusagen à la minute serviert. Dem Getränk und Anlass angemessen erscheinen alle gegen halb acht Uhr abends in Anzügen und Kleidern. Die bedürfen anschließend keiner tagelangen chemischen Reinigung, weil man sich erstens nicht um halb elf eine Flasche Rotwein drüberkippt und zweitens - wegen des Verzichtes auf Fleischfondue - nicht alle Fasern der Kleidung restlos mit Fettschwaden voll gepumpt sind.
Weil Champagner äußerst redselig stimmt, kommuniziert die Gesellschaft nach den ersten drei Gläsern gepflegt über Vor- und Nachteile des Champagners im Allgemeinen und dieses im Besonderen. Unter permanenter Zuführung desselben entstehen schnell Fachsimpeleien über Genuss an sich. Es fällt auch der Satz eines ausgewiesenen Tiefkühl-Pizza-Fans: „Austern ess ich üüüberhaup’ nuuuuur mit Ssitrone.“
Gegen halb zehn, nachdem die ersten acht, neun Flaschen geleert sind, werden die Gäste philosophischer. „Ich würde kein Steak essen, wenn ich wüsste, wie die Kuh hieß!“ Flasche Nummer zehn, elf, zwölf sind schon geöffnet, das Trinktempo erhöht sich. Ein eingefleischter Discounter-Kunde hat soeben geschworen, in den kommenden 12 Monaten nur noch gute und gerne auch teurere Lebensmittel einzukaufen: „Das mit den Puuten waa abba auch ssu widderlich!“ Es entsteht ein Gefühl, das viele als „beschwingt“ bezeichnen würden: Dabei ist es viel mehr – man ist aufgeputscht, hellwach, die Sinne sind aufs Äußerste geschärft. Irgendjemand beginnt ein Gespräch über Politik, und plötzlich weiß man die Lösung für die Probleme der ganzen Welt: „Ja, der Fischer, der war schon…also ja, die Merkel kann ja….man müsste nur... gleich hab‘ ich‘s?“ Dann fallen einem Witze ein, die so urkomisch sind, dass alle bedauern, sie augenblicklich wieder vergessen zu haben. Kurzum: Man fühlt sich wie der Größte.
Gegen 23 Uhr vermag es der Champagner, Menschen, die sonst niemals tanzen, zum echten John-Travolta-Hüftschwung zu bewegen. Mit fünf Litern Bier oder zwei Flaschen Rotwein - so viel haben jetzt die meisten umgerechnet intus, einfach undenkbar! Alle stehen noch, nur die Hemmschwellen fallen. Die übliche „Ich bin so allein“ - oder wahlweise „Meine Freundin liebt mich nicht“-Depression, die auf gewöhnlichen Silvester-Partys immer irgendjemand bekommt, bleibt aus, genau wie der Versuch einer torkelnden Polonaise. Um viertel vor zwölf hat sich noch keiner übergeben. Dafür tragen zwei Gäste jetzt Perücken, einige haben Boxpromoter-Sonnenbrillen auf und lachen sich kaputt, während andere sich versprechen, im neuen Jahr mehr für den Weltfrieden zu tun. Das Feuerwerk erlebt man nicht als einheitlich dumpfes Gepfeife und Dröhnen, sondern als wunderbare Pyrotechnik mit putziger Untermalung durch die Kirchenglocken, und auch das Anzünden der eigenen Knaller führt wegen der nach wie vor vergleichsweise guten Feinmotorik nicht zu Verbrennungen an den Händen oder Löchern im Mantel. Drei Uhr: Der Gastgeber geht ins Bett, seine Gäste braten sich Spiegeleier. Am nächsten Morgen wird man ohne Kopfschmerzen aufwachen und wissen, dass man zwar nicht mehr alles weiß, aber dass die Frau neben einem die eigene ist. Dem Champagner sei Dank!